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Immer wieder spricht man von Filmen, die man gesehen haben „muss“: Was ist jedoch unter dem Begriff „Filmkanon“ zur verstehen – was müssen die dort enthaltenen Filme können und vor allem wer bewertet und nach welchen Kriterien? Schließlich ist die Bewertung, was einen „guten“ Film ausmacht, zwischen Filmkritiker, Cineast oder gewöhnlichem Kinogeher oft sehr unterschiedlich.
„A canon has the weight of impersonal, collective, institutional authority [...] A canon is always the result of a broad survey of serious opinions.” Adrian Martin, Filmkritiker „the age“ Die Beschäftigung mit Filmgeschichte kann immer als Versuch gewertet werden, Wichtiges, Typisches, Hervorragendes oder Relevantes zu bestimmen, um eine Ordnung und Hierarchie zu schaffen. Nicht alles, was ein Kanon enthält, muss unbedingt relevante Filmgeschichte sein. Oftmals bevorzugen solche Filmlisten Spielfilme gegenüber Dokumentar- oder Avantgardefilmen. Die Differenzierung erfolgt entweder nach wirtschaftlichen Kriterien (z.B. nach Box Office Zahl und offiziellem Erfolg – der sog. „Star Wars- Kanon“) oder reflektiert bestimmte, historisch für bedeutsam gehaltene Filme (so genannter „Citizen Kane-Kanon“). Im Juli 2003 wurde beispielsweise eine solche „verbindliche“ Liste von 35 Filmen von einer 19-köpfigen Expertenkommission für die Schule geschaffen, um eine Basis für die Auseinandersetzung mit dem Medium Kino zu bieten (siehe auch: http://www.bpb.de/veranstaltungen/QUFU7Z,0,0,Filmkanon.html). Diese Liste enthält – wenig überraschend – von Murnaus „Nosferatu“ , Chaplins „Goldrausch“, den russischen Klassikern wie Eisenstein, Orson Welles` „Citizen Kane“, Kurosawas „Rashomon“ usw. alles, was für den Cineasten audiovisuelle „Pflichtlektüre“ darstellt.
Normalerweise werden folgende Kriterien für eine Auswahl herangezogen:
- 1. technische Innovationen, die das Ausdruckspotenzial des Films erweitert haben
- 2. formale Innovationen, die als Beitrag zur Entwicklung der Filmsprache eingestuft werden
- 3. wichtige Vertreter zur Konstitution und Weiterentwicklung eines Genres
- 4. Werke, die ein charakteristisches Beispiel für Thema oder Stil eines bedeutsamen Regisseurs darstellen
- 5. Filme, die zwar keine besonderen künstlerischen oder technischen Qualitäten aufweisen, jedoch ideologische oder kulturelle Relevanz besitzen
„In der Sehnsucht nach einem Kanon verbirgt sich die Angst vieler Zeitgenossen, überinformiert und dennoch unwissend zu sein, und daraus ergibt sich die Sehnsucht nach einer Ordnung“, so Reich-Ranicki über das Zusammenspiel zwischen Kanon- „Hersteller“ und „Nutzer“. Verschiedentlich wurden Versuche gemacht, auch das „gewöhnliche“ Publikum bei der Wertung von Filmen und ihrem Wissen zu evaluieren – beispielsweise bei der so genannten „Citizen Kane“ Befragung, die das Filmmuseum als jener Ort, dessen Retrospektiven bedeutenden Filmkünstlern und Epochen des Filmes gewidmet sind, durchgeführt hat, sowie bei einer Befragung von etwa 300 Schüler/Innen 2005 . Wenig überraschend war das Ergebnis von der oben genannten Cineastenliste weit entfernt: Aufgrund des offensichtlich fehlenden Basiswissens wurden nahezu ausschließlich Filme genannt, die dem aktuellen, vom US-Film dominierten Blockbusterkino entnommen sind („Lord of the Rings“, „Matrix“, „Pulp Fiction“, „Kill Bill“, „Sin City“ usw. ) – d.h. den meisten Jugendlichen sind Klassiker der Filmgeschichte tendenziell eher unbekannt, ein differenziertes Urteil dadurch kaum möglich.
Filmische Urteile fördern nicht nur die geschichtliche Kenntnis, sondern entwickeln auch einen Sinn für Ästhetik und vermitteln visuelle Bildung. Besonders heute, in einer von Medien dominierten Welt, ist das Medium Film ständig präsent. Gerade für Jugendliche ist ein bewusster Umgang mit Film unverzichtbar. Es sollte aber auch darauf geachtet werden, dass die filmische Bildung nicht alleine darauf beruht, Klassiker einfach zu zeigen - ausschließlich programmatische Vermittlung ohne Begeisterung ist Zeitverschwendung. Die Schule könnte die Aufgabe übernehmen, Schülern beizubringen nach welchen Gesetzmäßigkeiten und mit welchen Mitteln Filme gemacht und gelesen werden.
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